Ein Zwerg mit grimmigem Gesichtsausdruck erhebt sich von seinem Platz und stapft auf das Rednerpult zu. Er begutachtet es mit kritischem Blick, schaut schließlich noch deutlich grimmiger drein und verpasst dem Pult, nicht viel kleiner als er selbst, schließlich einen Tritt und wendet sich dann fluchend der Ratsversammlung zu.
Geschätzter Rat,
mein Name ist Sedan de Ville, meines Zeichens... nun, wie soll ich es sagen ohne das offensichtliche nur noch mehr zu betonen? Hmm... meines Zeichens: Zwerg. Ich denke das umschreibt den Zustand am treffendsten. Ich bin bereits seit einigen Tagen stolzer (oder auch nicht, aber das ist wohl Auslegungssache) Inhaber eines Sitzes in diesen stolzen Hallen. Man mag jetzt denken: was faselt dieser kleine Mann da? Warum betont er immer wieder so sehr das winzige Wörtchen stolz? Ist der betrunken? Mit Verlaub - letzteres trifft noch nicht zu, ich plane aber, diesen unseeligen Umstand nach der heutigen Sitzung schnellstmöglich zu beenden. Zwerge sind schließlich trinkfeste Gestalten. Fast so trinkfest wie sie starrsinnig, andauernd übellaunig und zudem auch noch über alles goldgierig sind. Aber das ist nicht das Thema, ich sprach gerade von Stolz - und ich werde später noch einmal darauf zu sprechen kommen.
Zunächst jedoch möchte ich kurz über meine Person sprechen, schließlich gehört es sich ja gemeinhin, sich vorzustellen, wenn man als Angehöriger des niederen Standes zum ersten Mal die Dreistigkeit an den Tag legt, diesen stolzen Saal zu betreten, die stolzen Treppen zum stolzen Rednerpult hinauf zu gehen und... ich denke, Ihr wisst schon, was ich sagen möchte, werte Räte. Meinen Namen nannte ich Euch bereits und auch wenn er wohl das interessanteste ist, was es zu meiner Person zu sagen gibt, möchte ich doch noch kurz meinen Werdegang wiedergeben. Geboren wurde ich als Teil der zwergischen Minderheit (kommt es mir nur so vor, oder ist dieses Wort im Zusammenhang mit dem kleinen Volk nicht doch fast schon zynisch?) hier in Kronstadt. Mein Vater war Waffenschmied, genau so wie mein Großvater und auch ich habe diesen Beruf erlernt und beherrsche ihn nach wie vor meisterlich (habe ich schon erwähnt, daß Zwerge auch gerne einmal zur Selbstüberschätzung neigen? Nein? Nun gut, es ist ja auch eine bekannte Tatsache). Nun drang nach Jahren der harten körperlichen Arbeit und der ausgemachten Zecherei der Ruf an mein Ohr, daß Eure Majestät, der König, es auch dem "kleinen Mann", dem Bürger ermöglichen will, seine Stimme über dieses stolze Organ an Sein Ohr zu tragen - ich sah das für mich als eine Möglichkeit, um eben als Vertreter dieses kleinen Mannes einen Platz in diesem Rat einnehmen zu können. Und hier stehe ich nun. Stolz und so.
Bevor ich zu sehr ins faseln verfalle und mich damit unnötig weit von meinem angekündigten Umtrunk zu entfernen, möchte ich aber nun wieder auf dieses Eingangs schon erwähnte Thema zu sprechen kommen. Stolz kann ein Wesen zu vielem treiben. Unter anderem auch dazu, nach allzu kurzer Zeit seinen Posten in diesem Rat wieder an den Nagel zu hängen und sich einem Urlaub in der Heimat hinzugeben - was mir persönlich als der falscheste Weg überhaupt erscheint. Aber gut, das ist jedermanns eigene Sache. Wir Zwerge sind ja bekanntlich streitsüchtig und sehen das wohl anders als ein Mensch oder ein Halbling. Was jedoch selbst einem streitsüchtigen Gnom wie mir nicht entgeht, ist die Tatsache daß auf diese Art und Weise eine vernünftige Regierungsbildung nur schwerlich möglich zu sein scheint. Nach meinem eingeschränkten bürgerlichen Verständnis benötigt es dazu eine Opposition, die nicht beim ersten Anzeichen von etwas härterem Widerstand die Segel streicht (bei den Göttern, ich habe doch nicht gerade Parallelen zur Seefahrt gezogen? Wir Zwerge hassen das Wasser!). Sollte das zum Alltag werden, mag man sich bereits in kürzester Zeit nur noch eine Frage stellen können: Quo vadis? Manchmal scheint es doch eben angeraten zu sein, seinen eigenen Stolz für einige Zeit zu vergessen und sich stattdessen dem zu widmen, weswegen man in diesem Saal sitzt.
Genug davon... nachher wird der alte de Ville noch zu philosophisch, daß er sich selber nicht mehr versteht. Und zudem wollte ich noch etwas anderes ansprechen, was mir auch aufgefallen ist. Es wurde darauf hingewiesen, daß es unter gewissen Umständen bedenklich zu sein scheint, dem arbeitscheuen Gesindel von der Straße eine Stimme in diesem Haus einzuräumen. Schließlich würde es ja einen gewissen Intellekt erfordern, sich hier einzubringen und das Reich nicht in eine Richtung zu reißen, die für alle den Untergang bedeuten würde. Zu einem gewissen Teil gebe ich diesen Aussagen sogar durchaus recht. Natürlich sollte es nicht jedem möglich sein, vor diesem Rat zu sprechen und seine Ansichten, eventuell sogar durch Erpressung oder Bestechung, durchzusetzen. Man sollte es schon den "verdienten" Bürgern überlassen. Hierbei stellt sich dann jedoch eine Frage: ab wann kann man von einem verdienten Bürger sprechen? Ist nicht auch der kleine Bauer, der seit Jahren ein paar kleine Felder für einen Lehnsherren bestellt ein würdiger Berater, wenn es um Fragen in der Landwirtschaft geht? Oder wäre es vielleicht sogar schon einer seiner Knechte? Hier eine Grenze zu ziehen erscheint mir schwerlich möglich. Man möge mich jetzt nicht falsch verstehen - es geht mir nicht darum, hier etwas am Ansehen der Stände zu ändern. Adel sollte Adel bleiben, der Klerus weiterhin in den Händen der Priester liegen. Nur sollten auch diese werten Herren und Damen nicht übersehen, daß gerade Leute wie meinesgleichen, die es gewöhnt sind sich für ihr Gold die Hände schmutzig zu machen, in mancherlei Belangen mit Sicherheit eine deutlich fundiertere Sicht der Dinge haben werden, als es bei jemandem der Fall sein wird, der lediglich über eine (nicht zwangsläufig schlechte) theoretische Ausbildung verfügt.
Stolz und Vorurteil, so der Titel dieser Ansprache. Auf ersteres bin ich zu sprechen gekommen, letzteres habe ich im Laufe dieser Rede wohl oft genug bestätigt. Augenscheinlich. Eigentlich muss ich diesem hohen Rat jedoch beichten, daß ich eine Schmiede zwar von innen kenne, meinen Lebensunterhalt aber seit jeher als Schreiber verdient habe. Zwar versuche ich nicht krampfhaft, einem Streit aus dem Wege zu gehen, als süchtig hiernach würde ich mich jedoch nicht betrachten. Einen kleinen Umtrunk werde ich jedoch nach dieser Sitzung zu mir nehmen - und nachdem ich nun tatsächlich eines der Vorurteile bestätigt habe (oder es zu tun gedenke, man erinnere sich an die Trinkfestigkeit), möchte ich gerne denjenigen unter Euch, den es danach gelüstet an meinen Tisch einladen. Damit zumindest die Sache mit der Goldgier noch aus dem Weg geschafft ist. Und vielleicht wäre diese Devise für die künftige Zusammenarbeit unter den Räten nicht die schlechteste. Einfach einmal Vorurteil Vorurteil sein lassen und sich zum Wohle aller darauf konzentrieren, auch mit den vielleicht nicht so gern gesehenen Gestalten - gleich welchen Standes! - zusammen zu raufen.
Lang lebe der König!
Sedan verneigt sich kurz und stapft dann mit unveränderter Miene wieder auf seinen Platz zu
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